Mit dem Motorrad nach Marokko, Meerenge von Gibraltar, Berg El Horra

Ein harziger Start

Trotz leichtem Regen freue ich mich auf meine Fahrt nach Genua und starte den Suzuki Motor. Doch was ist das? Ein Scheppern mischt sich störend unter die mir gewohnten Motorrengeräusche. Was kann das sein? Aber alles der Reihe nach.

 

Der Fährbetrieb nach Marokko läuft erst seit ein paar Tagen wieder an. Es bestehen deshalb wegen den COVID 19 Einreisebestimmungen einige Unsicherheiten. Brauche ich nun wie auf dem Luftweg zusätzlich zum Impfnachweis einen negativen PCR Test und wenn ja, wie läuft das mit der Gültigkeit des Tests auf meiner Fähre von Genua nach Tanger die 51 Stunden benötigt.

 

Hinzu kommen zwei Emails vom Fährbetreiber mit dem Hinweis, dass ich fünf Stunden vor Abfahrt beim Check-In sein soll, weil es wegen den ausgedehnten Dokumentenkontrollen zu langen Wartezeiten kommt. Gepaart mit der prekären Verkehrslage beim Hafen von Genua kann das lustig werden.

 

Ich breche deshalb bereits heute Dienstagmittag auf und fahre bis in die Nähe von Lugano. Die Fahrt ist unspektakulär plus hat es vor dem Gotthard immer noch einen kurzen Stau. Der Pass ist leider noch geschlossen und so schlängle ich mich durch die Kolonnen hindurch, was meine Stauzeit auf zehn Minuten beschränkt.

 

Nach dem Tunnel bestelle ich zuerst einmal einen feinen Espresso in Airolo und setze mich in die Tessiner Sonne.

 

Mein heutiges Ziel ist Genua, wo ich ein bezahlbares Hotel direkt beim Hafen mit sicherem Parkplatz gefunden habe.

 

Der Suzuki Motor brummt los, aber leider begleitet mit einem undefinierbaren scheppern. Klingt, wie wenn etwas Metallenes auf dem Motorschutzblech liegt und durchgeschüttelt wird. Ich finde aber nichts. Währenddessen wird das Geräusch leiser und verschwindet fast.

 

ch fahre deshalb los und horche bei jedem Stopp, wie sich das Geräusch verhält. Der Motor läuft aber wie üblich rund und gibt keine Anzeichen, auf ein technisches Problem, zu erkennen.

 

Einer gespannten, aber unproblematischen Fahrt, erreiche ich mein Hotel in Genua. Sogleich rufe ich Viktor von V. Müller Motos an. Er kennt meine Maschine gut und hilft mir bei den Problemen.

 

Da das Geräusch im Neutralen Gang am lautesten ist, rät er mir zuerst die Kupplung auf eine lose Schraube zu prüfen.

 

Zurück auf dem Hotelparkplatz demontiere ich den Kupplungsdeckel und entferne die Federn und Pressdeckel. Sieht alles perfekt aus und nichts ist lose. Also alles wieder montieren. Ich starte ich den Motor und nehme per Video das Geräusch auf und schicke es dem Mechaniker.

 

Auch für ihn ist die Ursache des Geräusches nicht definierbar, was bedeutet, dass die Fehlersuche mit verschiedenen Checks verbunden ist. Das ist aber leider für mich abends um 21.00 Uhr auf einem Hotelparkplatz mit meinem begrenzten Werkzeugsatz nicht möglich. Somit muss ich entscheiden, entweder die Fähre sausen zu lasse und in Genua eine Motoradwerkstatt aufzusuchen oder trotzdem die Überfahrt machen und dann in Tanger eine Werkstatt anfahren.

 

Ich entscheide mich für die Weiterfahrt, zumal die Suzuki eigentlich normal läuft, halt mit dem Risiko, dass entweder der Schaden grösser wird oder ich keine Hilfe in Tanger finde.

Das Hotel bietet freundlicherweise bereits um 06.30 Uhr ein Frühstück an. Ich bekomme also noch ein Jogurt mit Obst und einem feinen Cappuccino, bevor ich in den Regen hinaus zum Hafen kurve.

 

Wie geahnt, ist der Verkehr bei der Hafeneinfahrt chaotisch. Kein Wunder, seit mehr als 20 Jahren ist hier alles gleich geblieben während der Fährbetrieb um ein Vielfaches gestiegen ist.

 

Mit meiner schlanken Enduro zwänge ich mich links und rechts an den Autos und Lastwagen vorbei und bin selbst verwundert, wie schnell ich beim ersten Hafencheckpunkt stehe.  Ich werde ich sogar zuvorkommend behandelt und der Zöllner lässt mich zwischen zwei Abgrenzungssteine hindurchfahren. Beim nächsten Check lassen mich die Autofahrer vorne wegfahren und so bin ich tatsächlich eine Stunde später in der Warteline vor der Fähre nach Tanger. Oh Wunder.

 

Wie üblich haben die Polizisten und Sicherheitsleute bei den Kontrollpunkten keine Information abgegeben, ausser wo man hinfahren muss. Einmal auf dem Parkplatz liegt es an jedem einzelnen, sich zurecht zu finden. Zum Glück kenne ich das und schaue mich um, was läuft. Dabei fällt mir auf, dass viele mit ihren Papieren in der Hand nach vorne in ein Gebäude schlendern. Nichts wie hinterher, sagt mein Instinkt und siehe da, in diesem Gebäude ist der Schalter für die Fährtickets und die italienische Zollkontrolle, da ich ja die EU verlasse.

 

Hier muss ich das erste und auch letzte Mal meinen Impfnachweis zeigen. Danach bekomme ich meine Boardingkarte plus ein Formular mit Fragen zu COVID für die marokkanischen Behörden und einen Ausreisezettel für den italienischen Zoll.

 

Auch das habe ich in einer Stunde erledigt und übe mich jetzt im stundenlangen Warten.

 

Dazwischen füllt sich der Parkplatz nach und nach mit Autos, die innen als auch auf dem Dach überladen sind, weshalb Autofederung haarsträubend durchhängt. Vermutlich alles Menschen aus Marokko, die endlich wieder mit der Fähre rüberfahren können und alles mitnehmen, was geht.

 

Der Parkplatz ist mittig mit Betonklötzen und Gitterstäben abgetrennt. Auf der anderen Seite warten diejenigen, die mit der Fähre bis Barcelona mitfahren, wo wir einen Zwischenstopp einlegen. Das ganze Prozedere der Passkontrolle entfällt natürlich für sie.

 

Lustig zu beobachten ist, dass auf der Seite nach Barcelona ausschliesslich Camper und Motorradgruppen stehen, während auf meiner Seite die überladenen Autos und Busse die Überhand habe.

 

Stunden später startet das Boarding mit einer erneuten Kontrolle meiner Papiere, wobei die Person lediglich mein Fährticket halbiert, meinen ausgefüllten marokkanische Gesundheitsfragebogen in einen grossen Plastiksack wirft und mir die Anweisung gibt, ich solle einfach nach vorne fahren, wenn die Reihe losfährt.

 

Gesagt getan und kurz darauf fahre ich als einer der Ersten in die riesige, noch leere Parkhalle der Fähre hinein.


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Die Fähre ist nicht ausgebucht, wodurch die Überfahrt entspannt ist. Etliche der Reisenden breiten ihre Schlafsäcke und Wolldecken in den Gängen und Ecken aus. Teilweise sind es ganze Gruppen, die zusammensitzen, diskutieren, essen und schlafen. Das verleiht dem Schiff eine lebendige Note, da überall etwas los ist.

 

Die marokkanische Passkontrolle findet bereits auf dem Schiff statt. Eilig hat es niemand und der einzige Zöllner diskutiert ausgiebig herum und entpuppt sich als Spassvögel, der fast alle zum Lachen bringt.

Wie üblich ist meine Einreise in zwei Minuten erledigt, die Formalitäten für die Einfuhr meines Motorrades dafür nicht.

 

Nein, es läuft sogar gar nichts und nach einer geschlagenen halben Stunde gibt der Zöllner auf und meint, ich müsse im Hafen von Tanger zur Zollbehörde, da sein System nicht funktioniere. Hört sich nach einem Spiessrutenlauf im Hafen an.


Tags darauf erreichen wir den neuen Hafen in Tanger-Med, der 40km ausserhalb der Stadt liegt. Kaum angelegt, öffnen die Türen zu den Parkdecks und alle rennen gleichzeitig los.

 

Im gleichen Stil gestaltet sich das Entladen der Fahrzeuge. Alle drücken nach vorne und möchten als Erste raus. Klappt natürlich nicht, weshalb gehupt, gerufen, die Hände verworfen und wieder gehupt wird.

 

Draussen geht das Chaos weiter und zwei Polizisten versuchen, die rausbrausenden Fahrzeuge je nach Länderzugehörigkeit in verschieden Richtungen zu lotsen. Ein waghalsigen Vorhaben . Bei uns Motorradfahrenden haben sie es dafür einfacher. Wir sind als Touristen gut erkennbar.

 

Beim nächsten Zollhäuschen werden die Papiere für die Fahrzeuge kontrolliert. Ich erkläre dem Beamten meine Situation. Er nickt kurz, nimmt meine Papiere und ist in zwei Minuten wieder zurück mit der Einfuhrbewilligung. Das ging jetzt flotter als gedacht.

 

Ich sitze auf und will mein Motorrad starten. Da bricht plötzlich Hektik aus. Drei Männer preschen fokussiert auf die Zollhäuschen zu und die Zöllner versuchen sie zu stoppen. Einen können sie zurückdrängen, die anderen zwei weichen seitlich aus und schaffen es zum hohen Absperrzaun, den sie gekonnt hochklettern.

 

In schwindelnder Höhe angekommen, merken sie, dass mittlerweile auf der anderen Seite auch ein Zollbeamter aufgetaucht ist.

Deshalb bleiben sie oben sitzen und schreien wild herum.

 

Vermutlich wollten sie versuchen auf das Fährgelände zu kommen, um bei einer guten Gelegenheit unbemerkt auf eine Fähre zu schleichen, die sie nach Europa bringt. Die Not dieser Menschen muss gross sein oder ihre Zukunft so düster, dass sie solche Risiken auf sich nehmen.

 

Ich fahre aus dem Hafengelände hinaus und biege auf die Nebenstrasse ab, die mich kurvenreich entlang der Küste nach Tanger bringt.

 

Doch vorher halte ich nochmals und stelle dabei fest, dass das Scheppern kaum zu hören ist. Trotzdem entscheide ich mich in Tanger zuerst die Werkstatt aufzusuchen, welche ich in Genua auf Google Maps gefunden habe.

 

Die Fahrt verläuft problemlos, wobei der stürmische Wind mich einige Male ins Trudeln bringt.

 

In der Stadt finde ich dank dem Navigationsgerät die Werkstatt auf Anhieb, fahre aber gleich weiter, weil das Chaos vor dem Shop alles andere als vertrauenserweckend ist.

 

Kurz darauf parkiere ich vor meinem Hotel, wo ich zwei Tage bleibe. Etwas Zeit, um in Marokko anzukommen und mir überlegen kann, wie es mit dem Schepper-Problem weitergeht.



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