Über vier Pässe durch das Atlas Gebirge

Noch vor ein paar Jahren war eine Atlasüberquerung wegen den schlechten Strassen ein kleines Abenteuer.

 

Heute dauert die Fahrt zwar immer noch lang, die Strassenverhältnisse sind teilweise aber viel besser.

 

Ich wähle für meine nächste Überquerung die abenteuerliche Variante, die über vier Pässe führt, die alle höher als 2'700 Meter über Meer liegen.

 

Mein Enduro brummt heute Morgen um 09.00 Uhr los, damit ich Marrakesch vor dem einsetzenden Morgenverkehr, der meistens um 10.oo Uhr einsetzt, verlassen kann.

 

Wie erhofft, verläuft der Verkehr flüssig. Dabei streife ich am Rande nochmals den Jamaa El Fna Square, der jetzt fast ausgestorben ist, schlänge mich durch enge Gassen und Tore hindurch und bewege kurz darauf die Suzuki auf der Hauptstrasse in Richtung Osten aus Marrakesch hinaus.

 

Anfangs verläuft meine Strecke der Hauptverkehrsader von Marrakesch über den Atlas in die Wüstenstadt Quarzazate. Das Verkehrsaufkommen ist entsprechend hoch und unzählige Baustellen verunmöglichen ein flüssiges Fahren.

 

Der Höhepunkt bildet eine Sperrung beider Fahrbahnen, wodurch sich Innert Kürze eine lange Kolonne bildet. Wie alle marokkanischen Mofafahrende, fahre ich an der Autoschlange vorbei bis ganz nach vorn und hoffe, dass wir Zweiradfahrer wie bei anderen Baustellen durchgelassen werden.

Leider hier nicht und der Streckenposten stoppt uns alle. Nun gut, warten wir eben ein wenig. Aus ein paar Minuten wird dann schlussendlich 30 Minuten und dies auch nur, weil dann alle Einheimischen um mich herum die Geldug verlieren und das mit einem Hupkonzert kundtun.

 

Das bringt Bewegung in die Sache respektive freie Fahrt.

 

Etwas später bin ich froh, dass ich diese vielbefahrene Strecke verlasse und auf eine Schotterstrasse abbiege, die mich wieder in abgelegene Landschaften und Dörfer führt.

 

Am frühen Nachmittag gelange ich zu meiner Pension, die unweit der Ouzoud Wasserfälle liegt.

 

Wie sich herausstellt, sind die Fälle eine einheimische Touristenattraktion die jedes Wochenende hunderte von Besuchern aus Marrakesch anzieht.

 

Der Weg nach unten ist deshalb gesäumt von unzähligen Bazar Shops, die in etwa den gleichen Ramsch anbieten, wie auf dem Markt von Marrakesch anbieten. Die Marokkaner kaufen also das gleiche Zeugs, wie die ausländischen Touristen. Spannend.

 

Beim anschliessenden Abendessen in der Pension erhalte ich Gesellschaft von einem tschechischen Paar, dass für eine Woche mit dem Mietauto unterwegs ist.


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Die Wasserfälle liegen am Rande einer Schlucht, der ich gleich nach dem Start von der Pension hoch oben folge. Natürlich animieren mich die fortlaufenden Weit- und Ausblicke in die Schlucht und Umgebung alle paar Meter für eine Foto anzuhalten.

 

Beim Schluchtende zirkelt die Strasse ins Tal hinunter und präsentiert mir weitere tolle Ausblicke.

 

Der Fluss begleitet mich weiterhin durch eine hügelige Landschaft, gespickt mit kleinen Canyons, bis ich die Staumauer und den Stausee Bin El Quidane sehe.

 

Etwas erhöht über dem See bringt mich die Strasse bis ans andere Ende, wo ich an einer Tankstelle für flüssigen Nachschub für mich und das Motorrad sorge.

 

Auf den nächsten 300km durch die Berge liegen keine offiziellen Tankstellen. Zum Glück fasst mein Tank genügend Sprit für 400km.

 

Eine halbe Stunde später startet mit dem einbiegen auf die R302 meine abenteuerliche Strecke in und durch den Atlas.

 

Stetig ansteigend erhalte ich anfangs reihenweise unvergessliche Blicke auf den immer weiter unten liegenden Stausee.

 

Danach taucht der Weg in die Bergwelt ein und bringt mich ins Dorf Tilouguite, dass gefühlt bereits weit abgelen liegt.

 

In der Ferne zeigen sich massive Felsen unter denen einer stark heraussticht. Es ist der Cathedrale Imsfrane.

 

Ab hier wechsel die Teerstrasse auf Schotter und verläuft zuerst am Fusse des Cathedrale Imsfrane vorbei um danach immer höher zu steigen und mir laufend Blicke auf den gewaltigen Felsen aus verschiedenen Winkeln und Höhe präsentiert.

Auf den nächsten geschotterten 50km wechselt die Szenerie fortlaufend und bringt mich zum Staunen.

 

Mit Zaouiat ahansal erreiche ich eine grosse Siedlung, die bis vor einigen Jahren abgeschieden in dieser beeindruckenden Bergwelt liegt.

 

Mit der ausgebauten Teerstrasse über den noch vor mir liegenden Pass entwickelt sich jetzt langsam der Tourismus.

 

Die Teerstrasse windet sich auf grossen Kurven hinauf zur Passhöhe auf 2'740 Metern. Ganz schön frisch hier oben.

 

Einige Kurven biege ich zu meinem Ziel, dem Ait Bougoumez Tal. nach links ab.

 

Entlang des wassereichen Tals haben sich etliche Dörfer und Siedlungen gebildet, die ausschliesslich aus Lehmhäusern bestehen.

 

Innerhalb der Dörfer wird die Strasse rege genutzt. Zudem ist sie kaum Autobreit und geschottert. Ich drossle deshalb jeweils auf Schritttempo und weiche den Bauern mit ihren Lasteneseln und spielenden Kindern so gut wie es geht aus.

 

Ein in der Luft liegendes Brummen erweckt meine Aufmerksamkeit und eine Sekunde später taucht um den nächsten Hausecken eine laut drönnende Harley Davidson auf gefolgt von einer Gruppe weiterer Donnerstühlen. Der Schluss bildet das Gepäckfahrzeug der Gruppe.

 

Ich halte an, lasse sie passieren und bin wie die Dorfbewohner perplex über das Auftauchen dieser Motorradgruppe. Was Teerstrassen nicht alles heranführen.

 

Meine Unterkunft sehe ich kurz darauf auf einem kleinen Hügel stehen und sitze nach dem Einchecken auf der Terrasse mit Blick freiem Blick in die Umgebung.


Heute warten auf mich und die Enduro drei Atlaspässe, die alle in der luftigen Höhe von knapp 3'000 Metern liegen.

 

Zuerst frühstücke ich aber ausgiebig und versuche anschliessend meine Hinterradbremse zu reparieren, die gestern leider ihren Geist aufgegeben hat.

 

Leider funktioniert das nicht, weil sich der Behälter mit der Bremsflüssigkeit durch die Hitze des nahen Auspuffs verformt hat und dadurch die Bremsflüssigkeit entweicht anstatt den Druck in der Bremsleitung aufzubauen, damit die Bremsbeläge über Bremsscheibe abremsen.

 

Nun gut, fahre ich eben nur mit der Vorderradbremse, was ok ist, aber natürlich nicht optimal für die bevorstehend Dreipässefahrt.

 

Eine Stunde später stoppe auf dem ersten Passhöhe auf 2'940 Metern und blicke noch einmal zurück ins Tal.

 

Auf der Rückseite wechselt der Belag auf Schotter und bringt mich in eine kaum bewohnte Hochebene.

 

Unten am Fluss zeigen sich dann doch einige Lehmhäuser, bewirtschaftete Felder und ein Bauer, der mir freundlich zuwinkt.

 

Danach erfordert die erste Flussdurchfahrt meine Aufmerksamkeit, weist die Strömung über die Betonfurt doch ein ziemliches Tempo auf.

 

Dahinter erklimmt die Strasse die nächsten Höhenmeter bis zur zweiten Passhöhe, wobei es sich eher um eine kleine Ebene handelt.

 

Bevor es wieder steil nach unten geht, zeigt sich mir der weiter Streckenverlauf von oben. Imposant. Geht es doch eigentlich nur runter, um einen weiteren Fluss zu überqueren und dann gleich wieder steil hinauf zum dritten Pass.

 

Mittlerweile rollen die Räder wieder über Teer, was die Berg- und Talfahrt zwar einiges einfacher macht, aber dafür auch unspektakulärer.

 

Die dritte Passhöhe ist mit 3'005 Metern auch zugleich die Höchste und ich halte für ein Erinnerungsfoto für die Enduro. Immerhin hat sie mich ohne Hinterradbremse bis hierher gebracht und hat keine Leistungsschwäche gezeigt, obwohl hier oben die Luft für das Brennraumgemisch bereits recht dünn ist.

 

Etwa auf der Hälfte der nächsten Talfahrt befindet sich eine Schlucht, die über eine Schotterpiste durchfahren werden kann. Je nach Wasserstand könnte es aber schwierig sein.

 

Ich halte deshalb bei der Kreuzung zu dieser Schotterstrasse und blicke hinunter zum Fluss, wo der Weg hindurchführt.

 

Weit und breit kein Wasser zu sehen, also biege ich ab und schottere hintunter.

 

Nach der Trockendurchquerung verläuft der Weg teils steil durch zwei Siedlungen in die Schlucht hinab bis ich erneut im Flussbeet steht respektive fahre.

Soweit mit meiner wendigen, leichten Enduro kein Problem.

 

Ich folge weiter dem gut sichtbaren Schotterweg, der weiterhin im Flussbeet verläuft, wo es nun etwas Wasser gibt.

 

Links taucht eine weiter Siedlung auf und einige Frauen mit Kindern und einigen Jugendlichen waschen die Dorfwäsche.

 

Natürlich springen die Kinder alle auf, als sie mich heranrollen hören und schreien und winken. Die Jugendlichen zaubern ein Mofa aus dem Gebüsch hervor und folgen mir zu dritt darauf.

 

Ich halte und grüsse sie mit Handzeichen. Französische spricht in diesen Gebieten nämlich fast niemand mehr.

 

Der Weg vor mir wird kiesiger und führt durch den seicht vor sich hinfliessenden Fluss. Bin ich hier richtig?

 

Nein, ich habe kurz vorher wohl die Abzweigung verpasst. Jedenfalls zeigt mir das meine Navigationsgerät an.  Es zeigt aber auch, dass die beiden Wege später wieder zusammenkommen.

 

Also frage ich mittels Handzeichen die Jugendlichen, ob der Weg geradeausgeht und mit dem oberen Weg zusammenkommt. Die verstehen mein Anliegen sofort und nicken wie wild. Also schaue ich mal, ob das stimmt.

 

Ich plüge mich mit der Maschine durch den Kies und Wasserverlauf und gelange doch tatsächlich einige hundert Meter später auf die richtige Schotterstrasse.

 

Erst jetzt verläuft das Strässchen in die Schlucht hinein, was viel einfacher geht, als gedacht, weil die Dorfbewohner das Flusswasser in ein von ihnen gebautes Wassersystem leiten, das neben dem Flussbeet durch die Schlucht entlang führt.

 

Dadurch ist das Flussbeet komplett trocken und gut befahrbar.

Die Schlucht als solches ist lediglich knapp 200 Meter lang, aber ganz imposant.

 

Als ich keine zwanzig Meter von der Teerstrasse entfernt bin, brausen zwei grosse BMW Motorräder vor mir durch und halten etwas weiter vorne.

 

Ich nähere mich und sehe, dass beide aus der Schweiz kommen.

 

Natürlich halte ich für eine Small Talk an. Dabei stellt sich heraus, dass mit der Fahrerin über die Socialen Medien ein paar Mal Kontakt hatte, weil sie über ihre Motorradreisen geschrieben hat. Ich wusste deshalb, dass sie in Marokko unterwegs ist. Ein Treffen hatten wir aber keines abgemacht.

 

Und wie der Zufall so will, fahren wir uns hier über den Weg. Er Small Talk wird dann zum Long Talk.

 

Abends beim Nachtessen stauen ich dann nicht schlecht, als beide bereits am Tisch sitzen und mich anlachen. Durch Zufall haben wir das gleiche Hotel gebucht.



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