Mit dem Motorrad nach Georgien

Auf Entdeckungsreise in den wilden, georgischen Kaukasus

Auf meiner letztjährigen Reise von der Mongolei in die Schweiz stoppte mich ein technisches Problem die georgische Kaukasusregion näher zu erkunden. Deshalb reise ich am 19. August 2019 nochmals in dieses herrliche Gebiet.

 

Lese hier, was ich auf der Reise erlebe.


Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien

Mit dem Nachtzug nach Wien und weiter durch Ungarn nach Rumänien

Tage 01 - 03 (1'526 km )

 

Der Zugsmitarbeiter winkt mir zu und zeigt an, ich soll in den unteren Teil der Verladewagen reinfahren und dann ganz bis nach vorne aufschliessen. Kein Problem. Ich rolle rein und will schon Gas geben - ein hässliches Kratzen lässt mich die Vorderradbremse voll drücken und meinen Kopf einziehen. Ich bin zu gross und mein Helm berührte die Decke des Oberdecks. Schnell ziehe ich den Kopfschutz ab und schaue skeptisch auf das nach oben geklapptem Visier. Glück gehabt. Alles noch ganz und nur eine leichter Kratzer.

 

Zwischenzeitlich winkt und pfeift der Zugsmitarbeiter, dass ich nach vorne fahren soll. Also los gehts. Jetzt aber ohne Helm und mit dem Kopf unten. So klappts und kaum stelle ich vorne den Motor ab, zurren sie auch schon die KTM auf alle Seiten hin fest.

 

Zugunsten eines längeren Aufenthaltes in Georgien habe ich auf die zweitägige Fahrt durch Österreich verzichtet und dafür den Nacht Autozug von Feldkirch bis Wien gebucht mit dem Ziel, am nächsten Morgen ausgeruht in Wien startklar zu sein. Naja, der Zug ist pünktlich im Wiener HB eingefahren und keine 10 Minuten später steht meine KTM auch schon bereit. Das mit dem schlafen war aber eine Fehleinschätzung von mir. Was solls, wird schon gehen.

 

Drei Stunden später, und etwa fünf starken Espressos, sitze ich in der Nähe der oberen Burg Visegrad in der Nähe von Budapest und bestaune das Panorama über die Donau. Viele Hügel und Berge gibt es in Ungarn nicht und so erstaunt es nicht, dass die Burg auf einen der wenigen Anhöhen gebaut wurde.

 

Tags darauf erreiche ich am Abend die rumänische Ortschaft Sapanta mit dem wohl weltweit fröhlichsten Friedhof. Nach der dreitätigen Trauer wird die verstorbene Person begraben. Ab dann nehmen es die Dorfbewohner mit Humor, denn das Leben der Person wird auf einem blauen Kreuz mit bemalten Bildern und humoristisch, sarkastischen Sprüchen beschrieben.

Über die Karpaten zur Bicaz Schlucht und weiter zur Transforgarascher Hochstrasse

Tage 04 - 06 (2'320 km )

 

Bereits gestern bei der Fahrt nach Sapanta ist mir der hohe Strassenverkehr aufgefallen. Das bleibt leider während den nächsten Tagen so. Das liegt vermutlich daran, dass das rumänische Autobahnnetz noch im Aufbau ist und dadurch die Haupt- und Nebenstrassen den stark gestiegenen Verkehr auffangen muss. So donnern Auto um Auto und Lastwagen um Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit durch die dicht an den Strassen liegenden Dörfer. Dabei wird die Verkehrslawine immer wieder abrupt durch Kühe, Pferdegespanne oder parkierende Wagen gestoppt. Für etliche Siedlungen ist daher Schluss mit dem idyllischen Dorfleben.

 

Die Karpaten im Norden Rumäniens durchquere über den Pislop Pass und drehe danach eine Ehrenrunde über die Transrarau Alpenstrasse. Die Strassenverhältnisse sind super, was den drehfreudigen, kraftvollen KTM Motor freut.

 

Auf der Strecke zur Bicaz Schlucht stoppt mich anfangs des Bicaz Sees eine Verbot- respektive Einbahnstrasse. "Gar nicht gut" schiesst es mir durch den Kopf, gibt es doch keine andere Strasse in diese Richtung. Ich stelle den Motor ab, um auf dem Navi nach einer anderen Route zu suchen. Den Rumänen scheint diese Strassensperrung ebenfalls nicht bekannt zu sein, stoppen doch laufend Autos vor der Signalisation. Einige drehen ohne zu halten um, andere steigen aus und diskutieren mit dem Bauer, der gerade das Gras schneidet. Kurz darauf fahren diese weiter. Ein weiteres Auto stoppt neben mir und der Lenker ruft mir auf Englisch zu, ich solle auch weiterfahren. Es sei kein Problem. was denn auch so war. Verbotsschilder haben eben nicht überall auf der Welt die gleiche Bedeutung.

 

Heute ist es nun soweit und ich überquere auf der berühmten Transforgarascher Hochstrassen die Transilvanischen Alpen. Durch andere Biker über das Verkehrsgedränge vorgewarnt, bin ich vor 10 Uhr bei der Passstrasse. Zügig geht die Passtrasse in die Höhe, wobei der dichte Wald keine Weitblicke frei gibt. Dafür sorgen etliche Autofahrer und ihre Mitfahrende für Unterhaltung. Im Wagen vor und hinter mir stehen jeweils zwei Jungs im Wagen und schauen oben zum Dachfenster. Zwei weitere lehnen sich aus den Seitenfenster dabei sind alle am Filmen. Viel zu sehen gibt es zwar nicht, aber das schein sie nicht zu stören.

 

Etwa in der Hälfte der Strecke zieht sich der Wald zurück und gibt den Blick auf die sich hochschlängelnde Strasse frei. Von oben herab ist das Strassenbild noch viel schöner, was diese Passstrasse so bekannt gemacht hat. Kurz vor dem Gipfel ist dann fertig mit der Aussicht geniessen, denn ich stehe im Stau. Auch wenn's eng ist, überhole ich und quetsche mich Millimeter genau zwischen den Autos durch. Geschafft und die Passhöhe, mit den unzähligen Souvenir und Essbuden, hunderten von Menschen und quer stehenden Autos liegt hinter mir.

Durch den Süden Rumäniens nach Bulgarien und bis zur Schwarzmeerküste und Grenze Türkei

Tage 07 - 08 (2'882 km )

 

Die KTM hat Durst und signalisiert mir das mit einem wilden blinken. Schon gut, ich habe es ja gesehen. Wohl besser, ich sorge gleich für den Durstlöscher bevor sie auf der Donaugrenzbrücke nach Bulgarien dehydriert.

 

Süffig saugt die Enduro den Sprit auf und gemäss der Anzeige auf der Zapfsäule war es wirklich höchste Zeit. Kommt davon, wenn ich zu viel in der Landschaft herumschaue als auf das Cockpit.

 

Mein Motor braucht ebenfalls Flüssiges und so decke ich mich im Shop mit Getränken ein. Da ich draussen im Schatten Stühle und Tische gesehen habe, bestelle ich mir auch noch einen Espresso.

 

Als ich rauskomme, sind alle Stühle und Tische im Schatten besetzt. Ein Paar winkt mir aber gleich zu mit der Aufforderung, mich zu ihnen zu setzen. Das Angebot nehme ich gerne an. Sie spricht etwas Englisch und er Französisch und so wird unsere Unterhaltung zu einem bunten Sprachmix. Kaum hören sie woher ich komme und wohin ich noch reise, fragen sie mich, ob ich einen Platz zum Schlafen benötige. Da es aber erst 10.30 Uhr ist und ich rüber nach Bulgarien möchte, verstehen sie meine dankende Absage. Wir unterhalten uns noch eine Weile und dann verabschieden sie sich.

 

Während ich meine Flasche Wasser zu Ende trinke, steht ein Mann neben mir und offeriert mir Trauben. Im gebrochenen Englisch gibt er mir zu verstehen, dass er mein Motorrad super findet und das ich damit von soweit her sein Land besuche. Dann holt er noch mehr Trauben aus seinem schicken BMW, schüttelt meine Hand und winkt mir beim Abfahren nochmals zu.

 

Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, wie offen und willkommen viele Menschen auf mich als Motorradreisender reagieren.


Türkische Schwarzmeerküste

Nach einem Ruhetag in die Türkei, Bosporusüberquerung und weiter zur Schwarzmeerküste

Tage 09 - 11 (3'521 km )

 

Nach acht Fahrtagen ist es Zeit für einen Ruhetag. In der Ortschaft Malka Tarnowo finde ich ein kleines ruhiges Hotel und geniesse einen Tag faulenzen.

 

Tags darauf bin ich früh an der Grenze. Der Bulgarische Zoll ist unbürokratische und dauert gefühlte 10 Sekunden. Auf der türkischen Seite wird genauer kontrolliert. Nebst dem eigenen Ausweis muss für das eingeführte Fahrzeug eine gültige Versicherung vorgewiesen werden. Das dauert natürlich. Hinzu kommt, dass die Schalter für die Kontrollen nicht bei den Fahrspuren sind. Alle müssen deshalb irgendwann aussteigen, um sich auszuweisen. Angedacht wäre natürlich, dass dies nur die Personen der vordersten Fahrzeuge tun sollten. Das funktioniert hier aber nicht. Es steigen nämlich alle gleichzeitig aus, also auch diejenigen der hinteren Fahrzeuge. Das wiederrum führt zu einem Stau an den Schaltern, wodurch nicht mehr gewährleistet ist, dass die Personen der vordersten Wagen zuerst dran kommen. Alle blockieren sich so gegenseitig. Morgencomedy am Zoll.

 

Mein erstes Ziel ist die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke über den Bosporus. Etwa 20 Kilometer vorher biege ich auf die Zubringerautobahn ein - wahnsinn. Die Autobahn ist achtspurig und sieht für mich so aus, als ob sie erst gestern fertig erstellt wurde. Zudem hat es kaum Verkehr. Dafür blässt plötzlich ein heftiger Wind, der mich von der Enduro reissen will. Bei der ersten Zahlstelle bin ich der einzige Kunde, zum Glück. Als ich nämlich mein Geld aus der Tasche nehmen will passe ich nicht auf und  vier 50 Euroscheine fallen heraus die sofort vom Winde verweht werden. Da niemand hinter mir ist, springe von der KTM, die Frau in der Mautbox winkt ihr ok, und renne meinem Geld hinterher. Mittagscomedy an der Mautzahlstelle.

 

Nach einer Übernachtung in Sile, fahre ich heute auf Nebenstrassen, sofern das möglich ist, der Schwarzmeerküste entlang. Anfangs sind viele Ortschaften touristisch gepräpt und entsprechend ausgebaut. Hier läuft vor allem an den Wochenende viel, wenn die Istanbuler Stadtbevölkerung ins Grüne respektive ans Meer fahren will. Je weiter ich nach Osten komme, desto ursprünglicher sind die Siedlungen. Die Strassen werden schmaler, Traktoren häufen sich und nach jeder Kurve muss ich mit Kühen oder Eseln rechnen.

 

Im Bezirk um die Ortschaft Zonguldak wird es wieder geschäftig. Die Region ist bekannt für ihre Kohlebergwerke. Davon hatte ich gelesen, aber keine Ahnung, wie das in der Realität aussieht. Nun ja, jetzt weiss ich es, Ich plante nämlich unbewusst meine Route durch das Hauptabbautal, also durch riesige Verarbeitungswerke, heruntergewirtschafteten Ortschaften und vor sich hin rottenden Altanlagen. 

Entlang der türkischen Schwarzmeerküste bis nach Batumi in Georgien

Tage 12 - 14 (4'532 km )

 

Müde erreiche ich das Küstenstädtchen Ayancik und peile das Hotel an, dass mir gestern Google Map angezeigt hat. Es liegt am örtlichen Meeresboulevard. Ich trete ein und erschrecke damit die Rezeptionistin, die vor dem Fernseher in eine türkische Telenovela eingetaucht ist.

 

Das Zimmer kostet CHF 22.00 inklusive Frühstück und das Motorrad kann ich gegenüber in eine Garage stellen. Soweit so gut. Mein Zimmer ist im vierten Stock. Zur Feier des Tages, eine schöne Ausrede, nehme ich den Lift. Ich öffne die Zimmertüre und - wau - der uneingeschränkten Meeresblick zieht mich gleich in seinen Bann. Das Zimmer ist angenehm gross und sauber und als Krönung hat es einen Balkon. Da habe ich den Jackpot gezogen..

 

Die letzten 300 km Küstenstrassen, von Amasra bis Ayancik, ist der ursprünglichste und schönste Abschnitt der über 1'500 km langen türkischen Schwarzmeerküste. Die bergige Landschaft bewirkt das Gefühl auf einer Achterbahn unterwegs zu sein. Ständig geht es hoch oder runter und das mehrheitlich mit Steigungen von 10 % und mehr. Bis vor wenigen Jahren war zudem der Strassenzustand miserabel, wodurch sich nur wenige Touristen in dieses Gebiet verirrten. Jetzt ist die Strasse neu geteert und die ersten Touristenbusse schiessen um die Ecken.

 

Auf dem Abschnitt von Sinop bis zur georgischen Grenze, also fast die Hälfte der Strecke, rolle ich auf einer gut ausgebauten Autobahn. Jedenfalls nach meinem empfinden. Für türkische Verhältnisse ist das nur eine Hauptstrasse, die hier alle vierspurig sind. Wirklich schade, führt doch mehrheitlich die "Hauptstrasse" direkt am Meer entlang mit vielen schönen Ausblicken und Rastplätzen. Wegen der permanenten Mittelleitplanke sind diese Rastplätze leider unerreichbar für mich.

 

Den schönen Meeresblick trübt der hier übliche chaotische und gefährliche Fahrstil. Abruptes Spurenwechseln, im Slalom überholen, rasen, telefonieren oder ohne Licht in dunklen Tunnels fahren, fordert meine 100 % Aufmerksamkeit. Zudem sind sich viele nicht an grosse, schnelle Motorräder gewohnt. Das ermüdet mich ziemlich und fünf Stunde so zu fahren sind wie zehn Stunden auf einer verkehrsarmen Landstrasse.

 

Der Grenzübertritt nach Georgien verläuft problemlos. Zwar ist der Lastwagenstau gewaltig, für Autos etc. gibt es aber eine spezielle Spur. Die türkische Seite lässt mich ohne Fragen raus und die Georgier mit einem Willkommen in Georgien rein. Hinter der Barriere ist ein grosser Rummel und sofort werde ich von etlichen Männern angesprochen, die mir eine Motorradversicherung verkaufen will oder anbieten Geld zu wechseln. Die Wechselkurse sind natürlich schlecht und die Versicherung ein Beschiss. Zum Glück weiss ich, wo ich die richtige Versicherung kaufen. Dafür brauche ich aber etwas georgisches Geld und wechsle einen kleinen Betrag. Den Rest tausche ich dann morgen in Batumi zu viel besseren Kursen.

 

Eine halbe Stunde später erreiche ich das Guesthous und werde gleich mit Essen und eigenem Wein empfangen. Georgische Gastfreundschaft.


Georgien

Von Batumi in den grossen Kaukasus nach Mestia, Ushguli und weiter nach Zageri

Tage 15 - 17 (4'948 km )

 

Ein tiefes Grollen dringt durch meine Ohren und weckt mein Hirn. Ich öffne die Augen und horche gespannt auf ein weiteres Geräusch. Jetzt knallt es ganz laut und kaum ist der Ton verschwunden, prasselt es merkwürdig. Ein Gewitter tobt über Batumi. Da habe ich ja Glück, denn heute ist mein Ruhetag und ich kann das Unwetter ausschlafen.

 

Zwei Schlaf- und Waschmaschinenstunde später ist der Spuk vorbei und ich spatziere los in die Innenstadt von Batumi. Einerseits muss ich Geld wechseln und eine lokale SIM Karte kaufen und andererseits interessiert mich der alte Stadtteil. Mein Guesthouse liegt 2 km weg vom Zentrum. Im Zickzack laufe ich durch die dazwischen liegenden Wohnquartiere. Vorbei an einem Mix von neuen, schön renovierten, halb zerfallenen, mit Wellblech zusammengeflickten und noch nicht fertig gebauten Wohnhäusern. Ist die Quartierstrasse nicht geteert, hüpfe ich über Pfützen, weiche Schlammstellen aus und versuche nicht nass zu werden, wenn ein Auto mit 50 km durch die Wasserlöcher braust.

 

Der alte Stadteil ist geprägt von schönen restaurierten Häusern, schmalen Quartierstrassen, Restaurants, Shops, Souvenirgeschäften und leider auch unübersehbar viele Thai Massage Salons. Anscheinend entstanden durch die hohe Nachfrage von männlichen russischen Touristen.

Text. Du planst eine Motorradreise nach Georgien? Dann schau dir meine Länderinfos an.

Heute bin ich früh auf den Beinen und freue mich auf die Motorradtour nach Mestia, meine erste Station im grossen Kaukasus Ggebirge. In Zugdidi, auf halber Strecke, halte ich beim Haus von Rolf, den ich über eine Reisemotorrad Facebook Gruppe kennengelernt habe. Als er gelesen hat, dass ich nach Georgien kommen, hat er mich spontan eingeladen. Er und ein griechischer Freund von ihm, beide arbeiten für die EU in Georgien, kochen für uns Deutsche Bratwürste und rüsten einen griechischen Salat. Mmm, das schmeckt fein.

 

Kurz nach dem Essen verabschiede ich mich, denn es warten noch drei Stunden Fahrt in die Berge auf mich. Noch kurz volltanken, drei Mal abbiegen und schon lenke ich meine KTM in die ersten Kurven hinein. Löcher, Schweine, Kühe und deren Mist und die in der Mitte der Fahrbahn fahrenden Autos halten mich davon ab, zu schnell und zu steil um die Kurven zu düsen.

 

Mestia ist eine Kleinstadt im grossen Kaukasus auf knapp 1'500 Meter Höhe und Ausgangspunkt für diverse touristische Aktivitäten. So finde ich problemlos ein Guesthouse.

 

Morgens verstaue ich mein Gepäck bei strahlend blauem Himmel, aber nur etwa 5 Grad. Brrrr... ganz schön frisch. Ich ziehe deshalb noch eine zusätzlich Merinowolljacke an, schiebe mein Motorrad aus dem Vorgarten und tätige den Anlasser.

 

Ushguli, das bekannteste Bergdorf im georgischen Kaukasus, liegt auf 2'200 Meter. Die ersten 2/3 der Strecke sind geteert, 1/3 ist eine Bergschotterpiste. Da freut sich die KTM Enduro und brummt vor sich hin "Endlich darf ich wieder Rumpelpiste fahren"

 

Durch die relativ gute Anfahrsituation besuchen Jahr für Jahr mehr Touristen die Region. Entsprechend wird die Infrastruktur ausgebaut. Der ursprüngliche Charme und Dorfcharakter mit den vielen Wehrtürmen besteht aber weiterhin. Wunderschön.

 

Nach einer längeren Pause wartet der auf 2'600 Meter liegende Zagari Pass auf mich und die dahinter liegende Abfahrt runter auf 475 Meter. Vier Stunden Schotter, grobe Steine, steile Passagen mit Kehren, Wasserdurchfahrten, Schlamm und Morast. Für die KTM kein Problem und ich bin immer oben geblieben.

Über den Zekari Pass nach Achalziche, Höhlenstadt Wardsia und weiter nach Tiflis

Tage 18 - 19 (5'478 km )

 

Die Sonnengötter verlieren die Schlacht mit den Regengöttern und werden aus dem grosse Kaukasusgebirge für die nächsten Tage vertrieben. Als loyaler Sonnenanbeter folge ich den Schönwettergeistern in den kleinen Kaukasus.

 

Da ich zu Hause die für mich interessanten Pässe und Strasse bereits im Base Camp erfasst habe, ist jetzt die Route für mich innert Minuten planbar. Die Strecke ist mit 200 km Distanz zeitlich überschaubar und so bin ich nicht in Eile und esse mich langsam durch die leckeren Zutaten meines Frühstücks. Gerade als ich aufstehen will, höre ich im oberen Stock jemand auf Deutsch rufen "Kommst du" und schon Flip-Flopt es die Treppe runter. Es ist ein Paar aus München, dass gestern mit ihrem gemieteten Jeep ebenfalls von Ushguli über den Zagari Pass geruppelt ist und bei der Ankunft mein Schweizer Kennzeichen gesehen haben. So entsteht gleich ein Gespräch und ich eine Stunde später immer noch am Frühstückstisch sitze.

 

Fertig gepackt folge ich auf einer gut ausgebauten Strasse dem schönen Flusstal des Zcheniszqali Fluss und über eine Hügelkette bis nach Kurtaissi, der ehemaligen Hauptstadt Georgiens. Hier besorge ich für mich und die KTM Flüssigkeitsnachschub und etwas zu knabbern für unterwegs.

 

Auf der Route zum Zekari Schotterpass liegt auf etwa halbem Wege der Kurort Sairme. Wie das Lebkuchenhaus im Märchen von Hänsel und Gretel erscheint mir im dichten Wald eine moderne Hotelanlagen, mit Park, Spielplätzen, Spazierwegen und diverse kleine Brücken über den künstlich angelegten Bach. War bis dahin die Strasse perfekt geteert, wartet keine 500 Meter hinter der Ortschaft das erste Schlagloch auf mich.

 

Nebst den obligaten Löchern und einigen nassen Passagen ist die Schotterpiste zur Passhöhe und runter nach Achalziche einfach zu bewältigen. Die Aussicht und Weitblicke dafür anstrengend schön.

 

Im Guesthouse in Alchalziche treffe ich zwei junge Schweizer Motorradfahrer aus der Westschweiz. Sie spulen in vier Wochen in etwa 15'000 km mit ihren grossen Adventure Bikes ab. Das gibt Muskelkater in der Gashand.

 

Für die Strecke nach Tiflis wähle ich den gleichen schönen Weg wie letztes Jahr über die Höhlenstadt Wardisa und den Parawani See, wobei ich bei der Höhlenstadt nicht über die Teerstrasse zurück fahre, sondern über eine spektakuläre Schotterserpentinenstrasse mit traumhaften Blicken auf das Tal des Mtkwari Flusses.

 

Am Parawani See, der übrigens das grösste Gewässer Georgiens ist, bestrafen mich die Regengötter für mein loyales Verhalten zu ihren Gegenspielern. Sie schicken Nebel und kalte Temperaturen und das auf 2'000 Meter Höhe. Zeitweise sehe ich keine gefühlten 10 Meter weit, schlottere und verliere mehr und mehr das Gefühl in meinen Fingern. Also halte ich und wecke meine Winterausrüstung, die bis dahin zuunterst im Gepäck vor sich hin geschlafen hat.

 

Kurz vor Tiflis regieren erneut die Sonnengötter und erhitzen mich beim Warten vor einer Baustelle. Als sich dann die erste  Schweisstropfe langsam ihren Weg an meinen Rücken hinunter sucht, wechsle ich wieder in den Sommerlook.


In Tiflis auf besseres Wetter warten

Tage 20 - 22 (5'478 km )

 

Eine Schlechtwetterfront überzieht den Osten Georgiens und stoppt meine Weiterreise in die kaukasischen Bergdörfer in dieser Region. Ich relaxe, wasche, checke die KTM durch und erkunde Tiflis an Orten, wo ich letztes Jahr noch nicht war.

 

Schon bei der Höhlenstadt Wardsia fiel mir der leere Besucherparkplatz auf. Der war vor 12 Monate voll und gruppenweise stürmten die Besucher die Höhlengemächer. Auch hier in Tiflis spüre ich, dass viel weniger Touristen in der Stadt sind. Im populären Restaurant, wo ich kaum Platz bekam, waren die Hälfte der Tische leer. Das Personal freut sich jetzt über meinen Besuch und in meinem Hotel bin ich der einzige Gast über mehrere Tage hinweg. Ich frage also meine Gastgeber, was los ist und höre, dass sich das Verhältnis zwischen Georgien und Russland wieder verschlechtert hat. Die Hintergründe dazu sind für mich nicht klar verständlich. Resultat ist aber, dass bis auf weiteres keine Flugverbindungen zwischen Georgien und Russland bestehen und so viel weniger russische Touristen einreisen.

 

So teile ich den Funicularwagen auf den Mtatsminda Aussichtsberg mit nur vier arabischen Touristen und kann mich gar nicht entscheiden, aus welchem Fenster ich der Auffahrt zuschaue. Etwas später stehe ich auf der komplett leeren Aussichtsterrasse und habe das ganze Panorama für mich alleine. Schon fast ein wenig gespenstisch.

 

Im weitläufigen Park hinter der Aussichtsplattform befindet sich der Mtatsminda Vergnügungspark. Auch hier ist niemand. Hinter der Eisdiele steht zwar eine Verkäuferin und räumt Sachen ein, aus einem Restaurant schallt laute Musik, vor einem Souvenirshop sitzt ein Mitarbeiter und ist in sein Handy vertieft und eine Angestellte säubert den Boden vom herabfallenden Laub. Alles wäre bereit für den Besucheransturm.

 

Ich geistere noch ein wenig durch die abgeschalteten Vergnügungsbahnen, spazieren danach den Fussweg hinunter in die Stadt und schlendere kreuz und quer durch die Quartier- und Altstadtgassen bis mich das Café Leila mit seiner Flower-Power Ambiente hereinlockt und ich hängen bleibe.

Noch ein Tag in Tiflis, dann durch die südliche Steppe und weiter zur Tusheti Road

Tage 23 - 26 (5'990 km )

 

Das miserable Bergwetter beschert mir einen weiteren Tag in Tiflis. So erkunde ich weitere mir unbekannte Quartiere und statte der grössten Kathedrale von Transkaukasien, der Sameba, einen Besuch ab.

 

Schlechtes Wetter hin oder her, heute packe ich meine Sachen und fahre los. Zuerst Richtung Süden zur David Gareji Monestary, die genau auf der Grenzlinie zu Aserbaidschan liegt. Hinter Rustavi, die letzte grössere Ortschaft vor der Grenze, wird die Landschaft plötzlich flach, Hier holpere ich auf einer durchlöcherten Strasse durch ein riesiges Industriequartier. Dazwischen sind zwei schwerbewachte Anlagen, die zum Militär gehören oder Gefängnisse sind. Die Gegend würde dazu passen.

 

Die Häuser hinter mir lassend, führt mich die Schotterstrasse in eine weite Steppenlandschaft hinaus. Was für ein krasser Gegensatz zu der sonst grünen und bergigen Landschaft.

 

Ausser auf ein paar verlassene Häuser treffe ich hier draussen auf nichts und niemanden bis mich die Strasse auf einen kleinen Hügel hinauf bringt. Hier stosse ich auf einen gut bewachten Militäraussichtsposten. Die Wächter am Eingang ignorieren mich, was ich als Zeichen werte weiterfahren zu dürfen, Die Piste führt knapp an ihnen vorbei den Hügel runter geradewegs auf ein grosses Militärcamp zu. "Bin ich hier richtig?" schiesst es mir durch den Kopf. Da ich von oben komme, sehe ich, dass kurz vor dem Camp eine Schotterstrasse nach links dem Lager entlang verläuft. Ein Blick auf das Navi bestätigt mir, dass dies meine Route ist.

 

Beäugt von dutzenden Soldaten schottere ich dem Lagerzaun entlang und bin froh, dass ich hier wegkomme.

 

30 Minuten später erreiche ich die David Gareji Monestary. Unglaublich, dass bereits im 6. Jahrhundert einige Mönche in dieser Wildnis lebten und die Anlage erbauten.

 

Übernachtet habe ich am Fusse der berühmten Tusheti Schotterstrasse, die spektakulär über die Pirikita-Bergkette nach Omalo führt, dass am Fusse des grossen Kaukasuses liegt. Auch heute hängen dichte Wolken über den Bergen. "Was solls" denke ich, ein Versuch ist es wert. Schliesslich soll es gemäss Wetterbericht im Laufe des Tages besser werden.

 

Kurz und bündig. Ich werde belohnt. Es hängt zwar dichter Nebel über dem Pass der Pirikita-Bergkette, aber danach drückt die Sonne durch. In Omalo ist super Wetter und die Schneeberge des grossen Kaukasus zeigen sich mir in ihrer vollen Pracht, Dafür ist es kalt und am Morgen ist meine KTM mit einer weissen Frostschicht überzogen. Macht nichts, den das Schotterfahren verlangt Körpereinsatz und Konzentration und lässt mir keine Zeit zum Frieren.

 

Tags darauf wieder auf dem Torha Pass gibt der lichtende Nebel atemberaubende Weitblicke auf den Strassenverlauf der Tusheti Road und der Landschaft frei. Fantastisch.

Zum Bergdorf Shatili und weiter nach Mtskhera, Kutaissi, Batumi bis in die Türkei

Tage 27 - 29 (6'790 km )

 

Mist, ich kann die Maschine nicht halten. Ich versuche zwar gegen die Schräglage der KTM zu ziehen, aber es reicht nicht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie langsam abzulegen. Als Erstes stelle ich den Motor ab und als Zweites Fluche ich laut, wobei ich gar keine Zeit dazu habe, weil kein halber Meter neben mir ein grosser Bagger auf dieser einspurigen Bergstrasse steht und ich nicht weiss, ob der Fahrer mich sieht oder nicht. Also schnell das Motorrad aufstellen, ein herbeieilender Arbeiter hilft mir, aufsteigen und mit Vollgas durch den Erdwall durch. Puh, geschafft.

 

Die Schotterstrasse ins Bergdorf Shatili hat es in sich. Eigentlich nicht besonders schwierig zu fahren, sind die Baustellen dagegen ein Challenge. Entweder muss ich mich durch Schlamm und Match kämpfen. über grosse rumliegende Steine oder über Erdwälle. Für die wenigen Autos schaufeln die Baggerfahrer die Steine und Erdwälle weg und machen dann Platz. Sehen die Bauleute mich, winken sie mir zu, ich soll mich neben dem Bagger durchschlängeln. Das ist gut gemeint, nur liegt dann eben vor oder hinter dem Bagger alles lose auf der einspurigen Bergstrasse rum.

 

Dafür werde ich auf der Passhöhe des Datvisjvari Pass mit einem herrlichen Panorama belohnt. Keine 10 km später versuchen mich die Bauarbeiter erneut durch ihr Reich zu lotsen. Zum Glück sehe ich frühzeitig, dass auf mindestens einer Länge von 100 Meter frische Erde aufgeschüttet wurde ich jetzt da durch müsste. "Kein Chance" meldet mein Hirn, und zügelt meine Gashand. Das Gewinke der Arbeiter ignorierend, bleibe ich stehen und schätze die Situation in Ruhe ab. Um hindurch zu kommen, müsste ich mit Tempo rein ohne zu wissen, wie tief die lose Erdschicht ist und das auf einer Bergstrasse. Das ist mir zu gefährlich und ich entscheide umzudrehen. So Endet mein Tagesausflug nicht im Bergdorf sondern kurz davor.

 

Wieder oben auf dem Pass lege ich eine Pause ein. Als ich zwei Jeeps aus der Richtung von Shatili heranfahren sehe, mache ich mich bereit und folge ihnen. Jetzt muss ich zwar länger an den Baustellen warten, dafür sind sie einfacher zu passieren.

 

Mtsketa erreiche ich am Abend und mein Guesthouse liegt gleich neben der Svetitskhoveli Kathedrale, die von der UNESCO gelistet ist. Fürs Nachtessen schlagen mir meine Gastgeber ein Restaurant direkt am Fluss vor und tatsächlich, ich sitze kurz darauf an einen Tisch am Fluss mit herrlicher Sicht auf die weit oben auf dem Hügel stehenden Jvari Monestary.

 

Für den Rückweg nach Batumi wollte ich einen letzten Schotterpass überqueren. Die Wetteraussichten prophezeien aber viel Regen in dieser Region. Ich wähle deshalb die Route über Chiatura, Kutaissi und dann über Batumi zurück in die Türkei.

 

Die Bergbaustadt Chiatura war früher einer der grössten Manganproduzent Durch die Unabhängigkeit Georgiens im Jahr 1991 brachen das Stromnetz und die Wasserversorung zusammen und dadurch fast alle Minen in dieser Region. Bekannt wurde Chiatura durch seine aus den 1950 Jahren gebauten Seilbahnen. Mit diesen wurden die Arbeiter zu den Minen am Berg und die Menschen von der Bergsiedlungen ins Tal gebracht. Aktuell ist die Mehrheit der Bahnen wegen hohen Sicherheitmängel ausser Betrieb. Die Ortschaft selber zeigt sich lebendiger als von mir erwartet. Die riesigen dahinrottenden Minen in der umliegenden Gebieten bilden dafür eine apokalyptische Kulisse.

 

Meine letzte Nacht in Georgien verbringe ich in Kutaissi und fahre tagsdarauf über Nebenstrassen nach Batumi und weiter zur Grenze in die Türkei. Dabei werde ich von einem Polizeiauto gestoppt. Ich fahre rechts ran und stelle den Motor ab, da steht der Beamte auch schon neben mir. Er will meinen Pass sehen. Ich hole diesen hervor und strecke im den Pass entgegen. Im Gegenzug übergibt er mich das in Plastik verschweisste Mundstück, um in sein Alkoholtestgerät zu blasen. Ich packe es aus und blase einmal kräftig rein. Er blickt auf die Anzeige, nickt, gibt mir den Pass zurück und verabschiedet sich. So schnell und effizient wurde ich noch nie von einer Polizeistreife kontrolliert

 

An der Grenze ging es auf beiden Seiten erstaunlich schnell und schon düse ich auf der zweispurigen türkischen Hauptstrasse der Schwarzmeerküste entlang bis nach Trabzon.


Türkei, Griechenland und abrupter Reiseabbruch

Auf dem schnellsten Weg durch die Türkei

Tage 30 - 33 (6'790 km ) - September 2019

 

Seit etwa 10 Minuten verfolgt mich das Wort Leblebli oder Leblebisi. Wie aus dem Nichts tauchte der Name in Grossbuchstaben über einem Shop auf. Seither reihen sich immer mehr Stände, Geschäfte und Restaurants am Strassenrand ein, die mit diesem Wort werben. Hinzu kommen rauchende Öfen in verschiedenen Variationen und Grössen, die mich alle an eine orientalische Teekanne erinnern.

 

Mitten in diesem Leblebli Gebiet in der Ortschaft Osmancik habe ich für heute Nacht ein Zimmer gebucht. Gut, jetzt kann ich nachfragen, was denn nun hinter diesem Wort steckt.

 

Leblebli sind mit Heissluft geröstete Kichererbsen. Daher auch diese rauchenden Öfen. Die Knabberartikel kommt aus der Provinz Corum zu der die Ortschaft Osmancik gehört. So, endlich weiss ich, was dieses Wort bedeutet. Für das richtige Aussprechen muss ich noch etwas übern.

 

Die Türkei habe ich bereits zwei Mal auf unterschiedlichen Strecken durchquert. Für meine dritte Durchfahrt habe ich den schnellsten Weg gewählt. So rolle ich in vier Tagen von der Ost- zur Westgrenze der Türkei. Mehrheitlich auf Haupt- und Schnellstrassen. Dabei erlebe ich die Unterschiede zu unserer Verkehrsordnung hautnah.

  • Wer blinkt, zeigt an, dass er / sie etwas machen wird, nur was, ist die grosse Frage.
  • Rechte Spur fahren, rechts blinken, links noch schnell ein Auto überholen, vorne reinfahren und abbremsen, damit die Ausfahrt rechts noch erwischt wird.
  • Rechte Spur fahren, links blinken um dann bei der Abbiegung über beide Spuren nach links abzubiegen.
  • Im Slalom überholen.
  • Im dunklen Tunnel ohne Licht fahren.
  • Mich so nah zu überholen, dass ich ans Beifahrerfenster klopfen könnte.
  • Kurven krass schneiden (komplett auf der Gegenfahrbahn)
  • Den Pannenstreifen nutzen für
  • Marktstände
  • Busstopp
  • Traktoren, Möfis, Fahrräder und Fussgänger
  • Auto parkieren
  • überholen
  • Gegenverkehr
  • 15 Polizeikontrollen auf eine Distanz von 1'500 km. Dabei geht es nicht um die Überprüfung der Verkehrsordnung sondern um die elektronische Erfassung sovieler Personen wie möglich.

Abrupter Reiseunterbruch

Tage 34 - 37 (6'790 km ) - September 2019

 

Um 10.00 Uhr erreiche ich den KTM Dealer in Katerini, wo ich schon erwartet werde.  Hier war ich schon letztes Jahr für einen Check, weil die KTM damals am Morgen nicht starten wollte. Zelkas, der Inhaber und Mechaniker, leistete damals super Arbeit, weshalb ich jetzt gerne den Öl- und Kettensatzwechsel durch ihn machen lasse.

 

Als er die Kette sieht, verdreht er ein wenig die Augen. Die ist wirklich völlig am Ende. Kein Wunder, hat sie doch während 38'000km das Hinterrad gedreht, was ein super Wert ist.

 

Kurz nach Mittag ist die KTM wieder fahrbereit und ich rolle in die Innenstadt von Katerini zum easywash self service. Mein Vorrat an frisch duftenden Kleidern ist auf null gesunken. Zeit also, eine Waschmaschine in Gang zu setzen. Easywash hält, was ihr Name verspricht und ich kann 45 Minuten später meine sauberen Klamotten aus der Maschine räumen. Zum Trocknen werde ich alles auf dem Balkon meiner Unterkunft aufhängen.

 

Die schmale Innenstadtstrasse führt mich in einen engen Kreisel mit hellgrauem abgefahrenen Teerbelag. Das könnte schliefrig sein, saust es mir durch den Kopf. Leider zu spät, den schon rutscht das Vorderrad weg und bringt mich zu Fall. Ich spüre, wie der Enduro Stiefel meines linken Beines den Boden berührt und mein Fuss eine kurze unnatürlich Drehbewegung nach aussen macht. Dann krachen das Lenkerende und ich auf den Boden.

 

Ich fühle sofort, dass etwas mit meinem linken Fuss nicht in Ordnung ist. Der laufende Motor der KTM und dass dadurch drehende Hinterrad beunruhigt aber noch mehr. Zum Glück liegt die Frontpartie der Maschine nur eine Armlänge weg von mir und ich kann die Zündung ausschalten. Dabei bemerke ich zwei heran rennende Personen.

 

Sie stellen die KTM auf und schieben sie auf den naheliegenden Gehweg. Ich versuche während dessen aufzustehen, was mir gelingt, aber mit einem unguten Gefühl. Also zurück auf den Boden und kriechend zum Gehsteig.

 

Einer meiner Helfer spricht Englisch und fragt, wie es mir geht. Ich deute auf meinen linken Fuss, der nach aussen wegkippt und erkläre ihm, dass vermutlich etwas gebrochen ist. Er fragt weiter, ob er den Rettungsdienst anrufen soll, was ich bejahe.

 

Ich fluche innerlich, das kann doch nicht sein. So ein Bagatell-Rutscher und jetzt etwas gebrochen. Zudem bin ich schon gefühlte tausend Mal über solche rutschigen Teerbeläge durch Kreisel und Kurven gefahren ohne irgendein Problem. Einfach nur Scheisse!

 

Es dauert eine Weile bis der Rettungsdienst auftaucht. Zwischenzeitlich erklärt mit der englisch sprechende Helfer, dass die Polizei automatisch durch den Rettungsdienst informiert wird und ebenfalls erscheinen wird.

 

Die beiden Sanitäter steigen aus dem Krankenauto und schauen mich etwas hilflos an. Es scheint, dass sie nicht so genau wissen, was sie machen sollen. Vermutlich, weil ich dasitze und nicht so aussehe, als ob ich verletzt sei. Ich deute auf meinen Fuss und mein Helfer übersetzt, dass er vermutlich gebrochen ist. Ich öffne währenddessen die Enduro Stiefel und ziehe sie langsam aus, was erstaunlich gut geht. Zu sehen ist nichts, ausser eben, dass der Fuss immer nach aussen kippt. Halte ich dagegen, reklamiert mein Körper mit einer Schmerzmeldung.

 

Immer noch mit einem ratlosen Gesichtsausdruck holen die Sanitäter die Liege aus dem Auto. Mein Helfer redet dazwischen intensiv auf mich ein, was ich mit dem Motorrad und meinen Sachen machen will, da ich diese nicht hier lasse könne, weil sonst spätestens in der Nacht alles geklaut wird. 

 

Das beunruhigt mich einiges mehr als mein Bruch, da ich im Moment nichts dagegen unternehmen kann. So heben als Vorsichtsmassnahme meine Helfer mein ganzes Gepäck von der KTM runter und laden alles ins Krankenauto ein. Zudem schliessen sie die Maschine mit dem Bremsschloss ab.      

 

Danach hüpfe ich mit Hilfe der Sanitäter in den Wagen, die Liege haben sie nämlich in der Zwischenzeit wieder versorgt, und sitze auf den Notsitz. Sie beide steigen vorne ein und los gehts. Sehen kann ich sie und sie mich nicht, da zwischen der Führerraum und Krankenkabine eine Wand ist.

 

Etwas nervös auf die Verhältnisse im Spital, werde ich in der Notaufnahme durch das professionelle Verhalten des ersten Arztes positiv überrascht. Schnell ist ein Röntgenbild erstellt, worauf die Fraktur gut ersichtlich ist. Nichts kompliziertes, aber eben ein Knochenbruch. In der nächsten Abteilung erhalte ich einen Gips. Während dessen taucht die Polizei auf. Sie kontrollieren meine Papiere und stellen einige Fragen zum Umfallhergang. Als sie merken, dass ich weder Drogen noch Alkohol konsumiert habe und der Unfall einfach Pech war, werden sie relaxter. Ich nutze dies und erwähne, dass mein Motorrad noch an der Unfallstelle steht mit dem Risiko gestohlen zu werden. Die eine Polizistin spricht gut Englisch und erklärt mir, dass ich mir keine Sorgen machen muss, da sie die KTM bereits abtransportiert hätten. Super - ein grosses Problem weniger.

 

Mittlerweile ist der Gips angelegt und der Arzt informiert, dass er mich ins Spital einweisen wird, weil ich eine Operation benötige und diese frühestens am Dienstag ausgeführt werden kann. Ich stelle zwei drei Fragen zum Thema Rücktransport in die Schweiz, worauf der Arzt gar nicht positiv reagiert und mir eine Moralpredigt hält, dass ich selber schuld sei und Motorradfahren eben gefährlich sei blablabla. Ups, an Fragen sind sie sich hier wohl nicht gewohnt.

 

Sie quartieren mich in einem vierer Zimmer in der Orthopädie ein, wo der anwesende Stationspfleger etwas Deutsch spricht und mir alles erklärt. Ich habe Glück und die Station sieht sauber aus und es gibt geregelte Abläufe unter anderem auch drei Mahlzeiten pro Tag. 

 

Den verbleibenden Samstagnachmittag und den ganzen Sonntag organisiere ich mit der Reiseversicherung die schnellste Möglichkeit nach Hause transportiert zu werden, dass meine Sachen vom Hotel zu mir ins Spital gelangen und kläre ob der KTM Dealer mein Motorrad bei der Polizei abholt und bei sicher lagert

 

Das klappt soweit alles gut, weil ich alle meine Notfallnummern sowohl im Handy als auch auf Papier immer mit dabeihabe. Zudem helfen mir die griechischen Besucher der anderen Kranken im Zimmer, die glücklicherweise entweder etwas Englisch oder Deutsch sprechen. Einzig die Kommunikation mit dem anwesenden Spitalarzt, derselbe, der mir den Gips angelegt hat, klappt gar nicht. Er weigert sich mit dem Arzt meiner Reiseversicherung zu sprechen respektive macht er sich unsichtbar und der Stationspfleger verweist darauf, dass erst am Montag das Büro wieder offen ist und der Direktor anwesend sei, der die Entlassungspapiere unterzeichnen müsse. Auf der anderen Seite weigert sich die Reiseversicherung einen Rücktransport zu organisieren ohne einen medizinischen Befund von einem Spitalarzt

 

Keine einfache Situation, die mich mehr beunruhigt, als mein Bruch.

 

Am Montag geht es dann endlich vorwärts und bei der morgendlichen Arztvisite, jetzt stehen plötzlich zehn Ärzte vor mir, geben sich alle relaxet und erklären mir, dass ich selbstverständlich sofort nach Hause reisen könne und ich sie gleich mit dem Versicherungsarzt verbinden kann.

 

Gesagt getan und so kann die Versicherung endlich meinen Rücktransport auf den Dienstmorgen organisieren. Ein Taxi bringt mich zum 1 1/2 Std weit entfernten Flughafen von Thessaloniki. Dort erwartet mich der Service für gehbehinderte Personen und ihm Flugzeug erhalte ich eine dreier Sitzbank, damit ich mein Bein hochlagern kann. Der Flug landet mittags in Basel und von dort werde ich mit einem Krankentransport nach Zürich ins Spital gebracht.

 

Bereits auf der Fahrt ins Zürcher Spital werde ich informiert, dass ich in eine Art Quarantäne komme, weil ich in einem ausländischen Spital stationiert war. Dies aus Sicherheitsgründen bis klar ist, dass ich keine multiresistente Keime mitbringe. Das diese Problematik schon so akut ist, war ich mir nicht bewusst. Das positive daran? Ich bin bis auf weiteres in einem Einzelzimmer einquartiert.

 

Für eine Operation ist meine Haut rund um das Fussgelenk noch zu stark geschwollen. Deshalb muss ich im Bett liegen und meinen Fuss über Herzhöhe lagern. Als Unterstützung wird mir ein Lymphdrainage Verband angelegt. Voraussichtlich am Montag 29. September 2019 sollte die OP möglich sein und drei bis fünf Tage später kann ich das Spital verlassen.


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